Persönliche Gedanken zur Coronakrise

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Vorbemerkung:

Die folgenden Ausführungen sind meine persönlichen Gedanken zur aktuellen Krise. Ich bin kein Experte auf dem Gebiet der Infektionsdynamik, und auch kein Mediziner. Als Medizinphysiker in der Strahlentherapie bin ich Naturwissenschaftler und habe auch die Möglichkeit, mich im Austausch mit den ärztlichen Kollegen in medizinischer Hinsicht zu informieren. Ich habe einen Wissenschaftsticker abonniert, der mir die Möglichkeit gibt, mich in verschiedenen Quellen, die ich für seriös halte, über die medizinischen und statistischen Hintergründe zur aktuellen Situation zu informieren. Ich bin es gewohnt Informationen kritisch gegenüberzustehen und zu versuchen, sie zu bewerten und in eine Struktur zu bringen. Als Naturwissenschaftler kenne ich Methoden, neues Wissen zu erwerben, hierzu gehört es, sich ein Modell des zu untersuchenden Systems zu schaffen, dieses durch geeignete Versuche zu bestätigen oder zu widerlegen, und es immer wieder den neuen Erkenntnissen anzupassen. Dabei ist es wichtig, zu berücksichtigen, dass eine wissenschaftliche Theorie sich dadurch auszeichnet, dass sie widerlegbar sein muss. Kein Naturwissenschaftler wird behaupten, eine endgültige Wahrheit gefunden zu haben. Ein „Wir wissen es (noch) nicht“ ist nicht als Zeichen von Inkompetenz zu werten, sondern als Ausdruck von wissenschaftlicher Ehrlichkeit. Gleiches gilt für das Revidieren von Fehlern, was manchen als Widersprüchlichkeit oder Unsicherheit vorkommen mag, aber im wissenschaftlichen Prozess ganz normal ist.

Ich neige nicht dazu, unkritisch und obrigkeitshörig alles hinzunehmen, was „von oben“ angeordnet wird. Ich sehe aber auch, dass die politisch Verantwortlichen gerade jetzt enorm gefordert sind, mit unvollständigen Informationen (das liegt leider in der Natur der Sache unbekannter neuer Herausforderungen) über Gefahrenpotential, Ausbreitung und Möglichkeiten der Bekämpfung der Erkrankung versuchen zu müssen, die Bevölkerung vor katastrophalen Konsequenzen zu bewahren.

Und zu guter Letzt: Ich bin, wie gesagt, kein Experte und erhebe nicht den Anspruch, dass das, was ich hier schreibe, der Weisheit letzter Schluss ist. Wahrscheinlich ist es das nicht.

Aber auch angeregt durch den Austausch mit einem alten Schulfreund wollte ich einmal meine Gedanken zum Thema ordnen und zusammenfassen.

Nun zu meinen Gedanken dazu:

Wir befinden uns zur Zeit in einer globalen Krise. Ein neues Virus, gegen das bisher weder einen Impfstoff gibt, noch ein wirksames Medikament existiert, ist aufgetaucht.

Die Krankheit, die es hervorruft, befällt die Atemwege, und kann, besonders bei Vorerkrankten oder immunschwachen Menschen, einen schweren Verlauf nehmen. Sehr schnell kann eine erkrankte Person beatmungspflichtig werden und intensivmedizinscher Betreuung bedürfen. Die Symptome sind behandelbar, aber, wie schon gesagt, man kennt noch kein Medikament, dass die Krankheit selber bekämpft.

Wir sind also nun gezwungen, die Ausbreitung der Krankheit soweit im Griff zu halten, dass es nicht in zu kurzer Zeit zu viele Erkrankte mit schwerem Verlauf gibt, was zur Folge hätte, dass bei begrenzter Zahl von Intensivplätzen in den Kliniken und ebenso limitiertem medizinischen Personal nicht mehr alle Erkrankten adäquat versorgt werden könnten. Von allen anderen Patienten ist hier noch nicht einmal die Rede.

Wie kann man das nun erreichen?

Ich sehe da verschiedene Zielsetzungen:

  • Die Zahl der Neuinfektionen muss so niedrig wie möglich bleiben
  • Menschen mit höherem Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs sind besonders zu schützen
  • Eine Immunisierung möglichst vieler Menschen sollte erreicht werden
  • Ein wirksames Medikament sollte zur Verfügung stehen

Das erste Ziel kann man erreichen, indem man die Kontakte zwischen den Menschen einschränkt und die Gefahr der Übertragung der Viren bei notwendigen Kontakten zu begrenzen versucht. Kontakte einzuschränken kann mit Maßnahmen wie Quarantäne und Ausgangsbeschränkungen erreicht werden (man sieht schon, wir kommen hier sehr schnell zu Einschränkungen der Grundrechte und auch zu massiven wirtschaftlichen Konsequenzen, worauf ich noch eingehen werde, aber zunächst will ich einmal versuchen, wertfrei ein paar Gedanken zusammenzufassen). Das Begrenzen der Ansteckungsgefahr hat eine aktive und eine passive Komponente, Fremdschutz und Selbstschutz. Letztlich läuft es darauf hinaus, mit räumlichem Abstand zu anderen, Schutzausrüstung und gründlicher Hygiene zu arbeiten.

Das zweite Ziel erfordert minimalen Kontakt zu diesen besonders gefährdeten Menschen, läuft also auf eine sehr weitgehende Isolation dieser Menschen hinaus. Oft sind dies ältere und besonders hilfsbedürftige Personen, um die man sich in besonderer Weise kümmern muss. Das erfordert aber mehr Kontakt zu ihnen, und schon sehen wir hier einen Zielkonflikt.

Das dritte Ziel kann man erreichen, indem man einen Impfstoff findet und einsetzen kann, oder indem man hofft, dass ein Überstehen der Erkrankung zu Immunität führt. Das ist oft so, aber keineswegs sicher. Und das Erkranken in gewissem Rahmen zuzulassen, birgt die Gefahr, dass die Sache aus dem Ruder läuft. Ein weiterer Zielkonflikt also. Einen Impfstoff zu finden, dauert. Wiederum ein Konflikt, da man diese Zeit unter Umständen nicht hat, je nach Ausbreitungsdynamik und Gefährlichkeit der Erkrankung.

Auch die Suche nach einem wirksamen Medikament erfordert Zeit. Wie bei der Suche nach einem Impfstoff ist es notwendig und ethisch geboten, einen sicheren Weg zu nehmen, also einen Weg, der so wenig Risiken wie möglich birgt. Hierfür gibt es vorgeschriebene Prozeduren, die Vorversuche, klinische Studien mit gesunden und erkrankten Menschen, etc. beinhalten. Die Gefährdung dieser Menschen im Rahmen dieser Prozeduren muss dabei so gering wie möglich sein.

Was soll man nun tun? Die politisch Verantwortlichen können keine Experten für diese Fragestellungen sein, also sind diese Verantwortlichen auf die Expertise und die Vertrauenswürdigkeit von Fachleuten angewiesen. Gleichzeitig stehen sie unter der kritischen Beobachtung durch uns Bürger, die wir direkt durch die Konsequenzen politischer Entscheidungen betroffen sind, und sie sind in der Pflicht, sich uns gegenüber zu rechtfertigen.

Ich bin in dieser Krisensituation der Meinung, dass wir alle in der Pflicht sind, konstruktiv mit den Entscheidungsträgern zusammenzuarbeiten, das heißt für mich, sich aus verschiedenen seriösen Quellen zu informieren und zu versuchen, die Zusammenhänge zu verstehen und Entscheidungen kritisch zu bewerten. Aber auch, auf die Expertise von Fachleuten zu vertrauen, wenn die eigenen Möglichkeiten erschöpft sind.

Die Entscheidungen, die getroffen wurden und noch werden müssen, haben notwendigerweise gravierende Konsequenzen. Der Entschluss, durch einen lockdown die Infektionsrate zu senken, um Zeit zu gewinnen, hat die Wirtschaft heruntergebracht, Menschen in persönliche Krisen gebracht, familiäre Schwierigkeiten geschaffen. Der Schutz von wahrscheinlich besonders Gefährdeten durch deren faktische Isolierung hat diese einsam gemacht. Die psychische Gesundheit, die gesunde Entwicklung und die Bildung der Kinder ist gefährdet. Grundrechte und die freie Entfaltung unserer Persönlichkeit sind massiv eingeschränkt. Und so weiter. Das ist anstrengend, das ist traurig und das tut weh.

Und bei allem können wir nicht sicher sein, ob wir übervorsichtig waren, oder ob es der richtige Weg war. Wir müssen immer wieder neu prüfen, was wir noch akzeptieren wollen und können, und was nicht. Ich kann gut verstehen, dass Menschen ungeduldig werden und Lockerungen einfordern. Aber wir können eben nur versuchen, Versuch und Irrtum klug abzuwägen, und die Krise gemeinsam zu überwinden. Gleichzeitig sollten wir wachsam bleiben. Keine leichte Aufgabe, und man kann darüber wütend werden oder verzweifeln. Panik, Populismus, Lobbyismus, ein unreflektiertes „Nur-dagegen-Sein“ helfen meiner Meinung nach aber überhaupt nicht weiter.

Und ich kann nur hoffen, dass die, die sich unter dem gemeinsamen Motto „Widerstand“ zusammenfinden, eben nicht nur „Widerstand leisten“, sondern sich ihrer Verantwortung bewusst sind. Ich hoffe, sie sind nicht nur undefiniert „dagegen“, sondern versuchen, alternative Lösungen zu finden, dazu zu stehen, und sich angreifbar zu machen. Einfach nur nein zu sagen zu Entscheidungen, die gefallen sind, ist einfach nur destruktiv. Nein sagen mit guter Begründung, mit sorgfältig erstellten Alternativen und auch mit dem Willen zur Auseinandersetzung und zum Kompromiss ist konstruktiv. Ich würde mich freuen, wenn es so läuft.

Bleiben wir konstruktiv, bleiben wir so zuversichtlich wie es geht, bleiben wir möglichst gesund!

Und vielleicht haben wir sogar die Möglichkeit, aus der Krise zu lernen und den Neustart zu nutzen, alte Fehler zu korrigieren.

Gedanken nach Hanau

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Schon wieder müssen wir von einer schrecklichen Tat hören.

Ein zumindest verwirrter, nach den aktuell vorliegenden Informationen wohl auch extrem rechtsgesinnter, Mann hat offensichtlich 10 Mitmenschen und am Ende auch sich selber getötet. 

Ich denke traurig an die Hinterbliebenen, die nun mit einer furchtbaren neuen Wirklichkeit leben müssen. 

Und ich denke auch an alle, die irgendwann einmal in dieses Land gekommen sind (oder Nachfahren von Hinzugekommenen sind) und auch nach vielen Jahren des gemeinsamen Lebens feststellen müssen, dass sie für einige, die es anscheinend für eine eigene großartige Leistung halten, als „Einheimische“ von „Einheimischen“ hier geboren worden zu sein, immer noch nicht anerkannt sind.

Im Gegenteil, sie erfahren Misstrauen, Ablehnung oder Hass und Gewalt in Wort und Tat, im schlimmsten Fall sogar den Tod. 

Nach einer solchen Tat wird dann, wie auch in diesem Fall, von Politikern und anderen Menschen mit gesellschaftlicher Funktion Beileid bekundet, Abscheu ausgedrückt, und es werden Maßnahmen angekündigt. 

Das ist sicher gut, richtig und anständig, aber es reicht mir nicht. Und es macht leider oft auch einen hilflosen Eindruck auf mich.

Erst recht kann man mittlerweile nicht mehr sagen, dass eine solche Tat überrascht. Es ist nach ungefähr einem Jahrhundert wieder (oder immer noch?) möglich, dass in diesem Land Menschen als „anders“ ausgegrenzt, verleumdet und verfolgt werden. 

Haben wir denn aus der Geschichte nichts gelernt?

Ich will nicht glauben, dass solche geschichtsverleugnende Menschenfeindlichkeit von der Mehrheit unserer Bevölkerung mitgetragen wird. Aber wir sollten wachsam bleiben.

Also:

Lasst uns endlich beginnen, nicht mehr Nationalitäten, Hautfarben, Glaubensrichtungen, oder auch sexuelle Identitäten, etc. als Begründung der Diskriminierung zu mißbrauchen.

Lasst uns endlich beginnen, andere und anderes nicht als fremd und bedrohlich zu sehen, sondern als neu, interessant, und bereichernd. 

Lasst uns endlich beginnen, eine Kultur der Offenheit und Freundlichkeit zu etablieren. Es sollte unsere Leitkultur werden, jeden so sein zu lassen, wie er ist, solange er nicht andere damit schädigt oder beeinträchtigt.

Und ja, lasst es uns auch uns selbst erlauben, Unterschiede zu sehen und zu benennen. Solange wir es nicht abwertend tun. 

Niemandem ist geholfen, vermeintlich politisch korrekt Verschiedenheit wegzubügeln. Unterschiede sind zum Glück da, machen das Leben bunt und interessant. Sie geben uns die Möglichkeit, unseren Horizont zu erweitern, zu lernen, uns zu entwickeln.

Wo ist die selbstverständliche und unbefangene Neugier (ja, genau die Gier auf Neues) der Kinder geblieben, die wir alle einmal waren? Ist es denn wirklich so schwer?

Lasst uns endlich beginnen, gegen Menschenfeindlichkeit aufzustehen, zu argumentieren, zu handeln, wo immer sie uns begegnet. Ja, ich meine Menschenfeindlichkeit, auch schon das Wort Fremdenfeindlichkeit empfinde ich als Ausgrenzung.

Lasst uns endlich beginnen, uns Menschen nennen zu dürfen!

Lasst uns endlich beginnen!

Physik im Advent 2019 – die vollständige Kettenreaktion

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Jedes Jahr im Advent gibt es „Physik im Advent“ und in jedem Jahr gibt es zu jeder Türchen-Aufgabe einen Teilabschnitt einer Kettenreaktion zu sehen. Am Ende des Spiels, also pünktlich zu Weihnachten, wird die ganze Kettenreaktion noch einmal gezeigt. Ich habe sie hier für Euch eingebettet. Viel Spaß. Und wer Lust hat, kann ja im nächsten Jahr mitmachen.

Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr 2020

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Lange habe ich nichts mehr geschrieben. Da ist der Jahreswechsel doch eine gute Gelegenheit. Ich wünsche uns allen eine besinnliche und geruhsame Zeit mit unseren Lieben; schauen wir auf das alte Jahr zurück, und erinnern uns an das Gute, das es gebracht hat. Was vielleicht nicht so toll war, dürfen wir getrost vergessen, und Platz im Hirn schaffen für neue gute Erinnerungen. Schauen wir zuversichtlich ins neue Jahr und denken wir dabei auch an die, die es nicht so gut haben wie wir. Hier bei uns und überall auf der Welt. Und wo wir gerade so schön an andere denken, hier eine kleine Anregung:

https://sven-giegold.de/fluechtlingskinder/

Alles Gute, bleibt gesund und froh, und passt auf Euch auf.



sicher zurück

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Nach einem halben Jahr auf der ISS ist Alexander Gerst zusammen mit
Sergey Prokopyev und Serena Auñón-Chancellor sicher zur Erde zurückgekehrt. Vor dem „Rücksturz zur Erde“ hat er noch ein beeindruckendes Video aufgenommen, das ich hier gerne zitieren möchte. Dieser Mann imponiert mir immer wieder! Er hat auch auf dieser Mission wieder Zeit gefunden, mit großer Weisheit den Abstand zu unserer Heimatwelt zu nutzen, um uns klarzumachen, wie zerbrechlich diese Welt ist. Es gibt keinen Planeten B.